Falsche Zahl im Produkttext? Warum das seit der GPSR kein Schönheitsfehler mehr ist

Vorweg: Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung — für die Bewertung deines konkreten Falls gehören Anwältin oder Anwalt an den Tisch. Was wir beitragen können, ist die inhaltliche Seite: nachweislich korrekte Angaben.
Ein E-Bike-Text nennt „500 W Motorleistung“, im Datenblatt stehen 250 W. Vor ein paar Jahren war das ein peinlicher Fehler und vielleicht ein Fall fürs Wettbewerbsrecht. Seit Ende 2024 steht so eine Angabe zusätzlich im Anwendungsbereich einer EU-Verordnung, die den Online-Produktauftritt ausdrücklich regelt.
Was die GPSR vom Online-Angebot verlangt
Die EU-Produktsicherheitsverordnung (GPSR, Verordnung (EU) 2023/988) gilt seit dem 13. Dezember 2024 und löst die alte Produktsicherheitsrichtlinie ab. Neu ist vor allem, dass sie den Fernabsatz konkret adressiert: Wird ein Produkt online angeboten, muss das Angebot selbst bestimmte Angaben klar erkennbar enthalten. Als Orientierung, worum es dabei geht:
| Pflichtangabe im Online-Angebot | Typische Lücke im Shop |
|---|---|
| Name, Marke und Postanschrift + elektronische Adresse des Herstellers | fehlt komplett oder nur „Importiert von …“ |
| Bei Herstellern außerhalb der EU: die verantwortliche Person in der EU | unbekannt, weil nie beim Lieferanten erfragt |
| Identifikation des Produkts: Abbildung, Art, Typ-/Modellkennung | Text nennt anderes Modell als das Foto |
| Warnhinweise und Sicherheitsinformationen in verständlicher Sprache | stecken nur im PDF-Handbuch, nicht im Angebot |
Die Liste ist verkürzt und ersetzt keine Rechtsprüfung — aber sie zeigt die Richtung: Die Produktseite ist nicht mehr nur Verkaufsfläche. Sie ist ein Dokument, dessen Angaben stimmen müssen. Und damit wird die Frage, woher jede Angabe im Text kommt, vom Qualitätsthema zum Prozessthema. Seit September 2026 kommt eine zweite Schicht dazu: Umweltaussagen brauchen einen Nachweis, sonst gehören sie nicht in den Text.
Warum „steht so beim Hersteller“ nicht trägt
Der verbreitetste Irrtum: Wer Herstellertexte übernimmt, sei auf der sicheren Seite. Zwei Einwände. Erstens bietest du an — die Angaben in deinem Shop laufen unter deiner Verantwortung, nicht unter der des Datenblatt-Autors. Zweitens, praktischer: Hersteller aktualisieren ihre Daten stiller, als Shops ihre Texte pflegen. Der 2023 kopierte Text kennt weder den neuen Akku noch das geänderte Gewicht des Modelljahrs 2026. Kopieren ohne Abgleichprozess ist kein Schutz — es ist verzögertes Veralten.
Die drei häufigsten Zahlendreher
Aus unseren Audits über gewachsene Kataloge sind es fast immer dieselben Muster:
- Der Altwert nach dem Modellwechsel. Produkt überarbeitet, Text nicht. Der alte Akku-Wert steht seit drei Jahren da und fällt niemandem auf, weil er „schon immer“ dastand.
- Die verrutschte Einheit. 520 Wh werden zu 520 W, Newtonmeter zu Newton, Zoll zu Zentimetern. Liest sich flüssig — ist aber eine andere physikalische Behauptung.
- Der erfundene Wert. Die Spezialität von KI-Tools: plausible Zahlen, die in keinem Datenblatt stehen — die Ladezeit, die nie gemessen wurde, die Legierung, die der Hersteller nie verbaut hat.
Alle drei überleben Korrekturlesen, weil ein Mensch Stil und Logik prüft — nicht jede Zahl gegen das Datenblatt. „42 Nm“ liest sich exakt so richtig wie „48 Nm“.
Der Härtetest: 7 versteckte Fehler
Wie zuverlässig ein mechanischer Abgleich dagegen ist, haben wir öffentlich getestet: In einen E-Bike-Text haben wir sieben Fehler eingebaut und ihn prüfen lassen. Das Ergebnis, Fehler für Fehler:
| Eingebauter Fehler | Befund der Prüfung |
|---|---|
| „Aluminium 7075“ (verbaut: 6061) | ungedeckte Angabe — kommt in der Spezifikation nicht vor |
| „500-W-Heckmotor“ (korrekt: 250 W) | ungedeckte Angabe |
| „Akku mit 520 Wh“ (korrekt: 460 Wh) | ungedeckte Angabe |
| „bis zu 110 km Reichweite“ (korrekt: 90 km) | ungedeckte Angabe |
| „19,9 kg“ (korrekt: 21,4 kg) | ungedeckte Angabe |
| „in 2 Stunden voll geladen“ (steht nirgends) | ungedeckte Angabe — erfundener Wert |
| „erstaunlich billig“ (markenfremdes Wort) | verbotenes Muster: markenfremdes Register |
Sieben von sieben — plus ein Befund, den wir gar nicht geplant hatten (der Produkttyp fehlte im ersten Satz). Der Mechanismus dahinter ist unspektakulär und gerade deshalb verlässlich: Jede Wert-Einheit-Kombination im Text wird in den Produktdaten gesucht. Was dort nicht vorkommt, wird beanstandet — egal wie überzeugend es klingt. Den vollständigen Testlauf kannst du dir im Beispiel-Protokoll ansehen.
Der Prozess, der daraus folgt
Wenn Angaben Pflicht sind, braucht es eine Ordnung, aus der sie kommen. Die für kleine Teams praktikabelste:
- Eine Datenquelle als Wahrheit — Warenwirtschaft, PIM oder auch eine gepflegte Tabelle. Texte zitieren nur von dort, nie „aus dem Kopf“ und nie aus einem anderen Text.
- Jede Zahl im Text muss dort vorkommen — maschinell geprüft, bei jedem neuen Text und nach jeder Datenblatt-Änderung.
- Befunde statt Bauchgefühl archivieren: Wer wann was geprüft hat, gehört dokumentiert — nicht nur für den Streitfall, sondern weil es die einzige Art ist, bei 800 Produkten den Überblick zu behalten.
Lass 20 deiner Texte kostenlos prüfen — gerade die Bestandstexte, die „schon immer so“ dastehen. Das Protokoll zeigt dir jede ungedeckte Angabe mit Fundstelle.
Häufige Fragen
Gilt die GPSR auch für kleine Shops?
Die Verordnung knüpft an das Anbieten von Verbraucherprodukten an, nicht an die Shopgröße — auch kleine Händler und Marktplatz-Verkäufer sind erfasst. Details des Einzelfalls (etwa bei Bestandsware oder Sonderkategorien) gehören zu deinem Rechtsbeistand; dieser Artikel ist keine Rechtsberatung.
Reicht es, die Herstellertexte zu übernehmen?
Kopieren verschiebt das Problem nur: Für die Angaben in deinem Shop bist du verantwortlich, und Herstellerdaten ändern sich — der kopierte Text von 2023 kennt das Modelljahr 2026 nicht. Ohne dokumentierten Abgleichprozess veralten übernommene Angaben unbemerkt.
Prüft Stilstempel meine GPSR-Konformität?
Nein — wir sind keine Rechtsprüfung und ersetzen keine anwaltliche Beratung. Was wir prüfen: dass jede Zahl, Einheit und Modellbezeichnung in deinen Texten durch deine Produktdaten gedeckt ist, mit Befund je Fundstelle. Das ist die Faktenbasis, auf der Compliance erst aufsetzen kann.